Rabenväter – Alligatoah (feat. BattleBoi Basti)

In Rabenväter verkörpern die beiden Künstler BattleBoiBasti und Alligatoah zwei Väter, die sich gegenseitig versuchen mit dem mehr oder weniger großen Erfolg ihrer Söhne zu übertrumpfen.

BattleBoi Basti hat sich in Deutschland vorrangig durch Battle-Rap einen Namen gemacht, sodass er gut in das Bild des Tracks passt. Die beiden sind sich auch privat bekannt und traten regelmäßig gemeinsam auf Alligatoahs Tour Himmelfahrtskommando auf. In jeweils sechs kurzen Parts versuchen sie vor und nach der Hook den Anderen von ihrem Sohn zu überzeugen und berichten Jahre später wie es den Söhnen so ergangen ist.

LYRICS MITLESEN

Das Wortgefecht beginnt mit dem Vorgaukeln von Bescheidenheit. Von Anfang an wird ein herablassender Umgang etabliert, indem angebliches Interesse nur genutzt wird, um auf die Besonderheiten des eigenen Sohnes aufmerksam zu machen („Ja, ist er denn auch so ein hochbegabter Knabe wie meiner?“). Auch Alligatoahs lyrisches Ich heuchelt vorerst Zurückhaltung, steigt dann jedoch mit einem stark betonten „aber“ in den ersten Part – eine Lobhudelei auf deinen eigenen Sohn – ein. Obwohl sich beide des Konflikts sehr bewusst sind, findet das Ganze nur sehr passiv und unterschwellig in spitzen Bemerkungen statt.

Nach Alligatoahs Einstieg wird klar, dass beide Väter sehr hohe Erwartungen an ihre Kinder haben und sich überdurchschnittliche Erfolge erhoffen, die fernab jeder Realität liegen („er wird der beste Athlet auf Erden“, „sollte er nicht Papst werden, dann wird er deutscher Präsident“). Das Ganze wird aber so überzogen und unrealistisch dargestellt, dass es bei den Zuhörern eher lächerlich wirkt („dann fließt wieder Honig in den Flüssen unseres Landes, anstatt Süßwasser“). Um den parodierenden Ansatz noch deutlicher und die Fehde noch unterhaltsamer zu machen, werden dabei verschiedene Stilmittel und Wortspiele genutzt („mein Sohn kennt Aufgaben, aber nicht Aufgeben“).

Die Ziele und Träume des eigenen Sohnes sind dabei nebensächlich. Die Erziehung wird als Wettbewerb angesehen und ganz direkt miteinander verglichen („mein Sohn wird deinen Lümmel besiegen“). So reicht es nicht mehr nur den eigenen Sohn besser darzustellen. Es ist wichtig zu betonen, wie erfolglos der Andere hervorgeht („dein Sohn wird bestimmt nur ein Spastiker […], aber meiner schafft Abhilfe“). Die Väter werden mit Absicht sehr unsympathisch dargestellt und sollen dem Zuhörer das Fehlverhalten vor Augen führen. Die Individualität der Kinder wird nahezu kaum wahrgenommen. Zu hoher Leistungsdruck, dem Kinder heutzutage ausgesetzt sind, wird angeprangert.

Während die Erwartungen immer unrealistischer werden, wird auch bereits deutlich, dass die Söhne nicht die gleichen Intentionen wie ihre Väter zu haben scheinen. Die Reaktion darauf wiederum sind drastische Maßnahmen, die eindeutig machen, dass das Glück der Söhne keinerlei Priorität hat und ausschließlich der Erfolg im Vordergrund steht („er nennt mich […] Sklavenhalter, mein Sohn hat kein gemütliches Pensum, doch er wird nicht mehr vom Üben abgelenkt seit meiner Bücherverbrennung“).

Eine Metapher in der Hook, die die Eltern mit Raben gleichsetzt, spielt auf den Begriff Rabeneltern an und spiegelt den Druck wider, den die Väter auf ihre Söhne ausüben („Sei der Beste in der Schule, sonst fressen dich die Raben!“). Das „von den Raben gefressen werden“ ist eine Metapher für die Strafen des Elternhauses. Die ständigen Wiederholungen stellen die andauernden Androhungen dar und versetzen den Hörer in die Rolle des Sohnes. Der Vers „weil ich mich nicht klonen kann, hab ich einen Sohnemann“, zeigt auf worum es dem Vater wirklich geht. Er nimmt sich selbst als höchsten Maßstab war und versucht seine eigenen Ideale und Erfolge auf seinen Sohn zu übertragen. Der „perfekte Sohn“ ist sein oberstes Ziel, für das er sogar vor körperlichen Misshandlungen nicht zurückschreckt („nimm die Schläge als ‘ne Lehre“). Auch die Zeile „Er rennt, denn schwarze Federn sind ihm wohlbekannt“ ist so zu verstehen, dass der Sohn in alltäglicher Form Opfer von Strafen und Gewalt ist und unter großer Angst vor seinen Eltern leidet. Alligatoah singt die Hook in einer sehr tiefen Tonlage und verstellt seine Stimme, um eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Abschließend ist das Krächzen eines Raben zu hören. Das Gefühl der Angst wird mit den Vätern/Eltern in Verbindung gesetzt.

Im Anschluss findet ein Zeitsprung statt. Nachdem die Väter sich Jahre später wiedertreffen und ihnen klar wird, dass beide Söhne nicht sonderlich erfolgreich sind, versuchen sie die schlechten Eigenschaften und Misserfolge ihrer Söhne umzudrehen („mein Sohn hält den Rekord im Hausverbot bekommen“, „mein Sohn kann einfach alles er beklaute sogar Nonnen“).

Es wird eindeutig gemacht, dass die Erziehungsmaßnahmen genau das Gegenteil bewirkt haben. Ein Sohn scheint im Gefängnis gelandet zu sein und Probleme mit Gewalt und Aggressionen zu haben („Mein Sohn hält den Rekord im Hausverbot bekommen“, „Mein Sohn ist der stärkste seiner Zellengenossen“, „Kommt mein Sohn raus, läuft er Amok nur mit Axt und Motorsäge“). Auf eine paradoxe Art und Weise entlarvt Alligatoahs lyrisches Ich sich selbst in einer rhetorischen Frage kurz vor der erneuten Wiederholung der Hook: „Woher hat der Bastard seine Aggressionsprobleme?“ Eine Frage, die sich der Hörer natürlich selbst beantworten kann: Das Verhalten des Vaters scheint den Sohn nachhaltig geprägt zu haben („Der Junge ist nicht fehlerlos, obwohl ich ihn extrem erzog“).

BattleBoi Bastis Sohn ist zwar auch nicht erfolgreich, aber scheint primär mit seinem Lebensstil einfach nur nicht in das Weltbild seines Vaters zu passen. Der Vater ist entsetzt über eine Geschlechtsumwandlung und enttäuscht als er erfährt, dass sein Sohn eine berufliche Laufbahn in der Musikbranche anstrebt („jetzt macht er fürs gemeine Volk leider Hip-Hop„). In diesem Fall sorgt die Selbstironie der Künstler für eine unterhaltsame Zeile, die auch gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Die Interpreten selbst haben einen etwas ungewohnten Weg eingeschlagen und leben sich heute musikalisch aus.

Das Fazit des Textes ist sehr eindeutig: Eltern wird indirekt aufgezeigt wie sich Unverständnis und mangelnde Unterstützung auf die Entwicklung der eigenen Kinder auswirken kann. Außerdem würde zu hoher Leistungsdruck und ein ständiges Vergleichen mit Anderen dem Kind eher schaden, als ihm den richtigen Weg aufzuzeigen.

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