Du bist schön – Alligatoah

Mit zwar nur zwei Strophen, aber dafür Intro und Outro setzt Alligatoah sich mit dem in unserer Gesellschaft vorhandenen Schönheitswahn auseinander und erklärt die Welt aus Sicht einer Person, die sich primär durch ihr Aussehen definiert. Gleichzeitig verurteilt er die Ausnutzung billiger Arbeiter in der dritten Welt, nur um dem Konsumverhalten gerecht zu werden.

LYRICS MITLESEN

Über das gesamte Lied hinweg stehen nicht nur Personen, die sich nahezu ausschließlich über ihr Äußeres definieren, sondern auch die Gesellschaft, die sie dazu verleitet, in der Kritik. Bereits das Intro steigt mit einer Anapher ein bei der „ich mach‘ die Augen zu“ vom lyrischen Ich mit einem nötigen Schönheitsschlaf begründet wird, es aber im Kontext auch so verstanden werden kann, als würden die Augen vor zu erledigenden Aufgaben verschlossen. Einzig und allein das Aussehen hat höchste Priorität.

(Die Erwähnungen von DJ Deagle und Herr Gatoah sind eine Hommage an seinen heutigen Namen und seine frühere künstlerische Trennung, bei der er sich als Beatproduzent DJ Deagle nannte.)

Alligatoah verkörpert also eine vom Schönheitswahn besessene Person, die alles daran tut um so unglaublich schön zu bleiben, wie sie glaubt zu sein. Gleichzeitig wirkt aber unterschwellig hindurch wie leer und oberflächlich ihr Charakter geworden ist. Geschickte Wortspiele prägen das gesamte Lied. So soll wie Michael Jackson „Schritt gehalten“, also dem Schönheitstrend gefolgt werden. Die Zeile Also trag‘ ich noch mehr Schichten auf, wer will schon ‘ne ehrliche Haut?“ spielt einerseits auf die Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft an, verbindet dies aber auch mit der Benutzung von immer mehr Schminke um einem Schönheitsideal gerecht zu werden. Eine ähnliche Doppeldeutung lässt sich erkennen als sie, weil sie mit ihrem schönen Aussehen alle Preise holt, als „Hohlkopf“ bezeichnet wird. Die mangelnde Intelligenz des Preisträgers wird deutlich.

Am Ende jeder Strophe wird auf Schneewittchen angespielt und der Spiegel im Handy – also die Frontkamera – gefragt, ob man denn am schönsten sei. Selbstpräsentation im Internet, gerade bei Jugendlichen ein großes Thema, wird überzogen dargestellt. Es soll gezeigt werden, wie lächerlich es scheint, sich andauernd über diesen Weg Bestätigung einzuholen. Eine ähnliche Anspielung gab es bereits in der ersten Strophe als ironisch vom „YouTuber-Look“ und „Beauty-Produkten“ gesprochen wird. Der Spiegel gibt zwar die gewünschte Antwort, aber sagt ihr, dass die Person eben nichts könne außer schön sein („du bist schön, aber dafür kannst du nichts“). Die Formulierung kann aber auch gleichzeitig so verstanden werden, als würde der Spiegel darauf aufmerksam machen, dass die Verantwortung für ihr Aussehen eben auch nicht bei der Person selbst liegt. Um die zwei verschiedenen Deutungsmöglichkeiten zu vermitteln wird das Ganze auch nochmal wiederholt („du kannst nicht mal was dafür, dafür kannst du nichts“).

Der zweite Part führt die amüsanten, als auch unterschwellig kritischen Wortspiele im gleichen Stil fort. Sie machen mir ein Angebot das Freude weckt, 99 % reduziert auf mein Äußeres“ stellt die vorhandene Reduzierung auf den Körper und Aussehen genauso dar, wie auf „Luxus Modemessen“ als schöne Benutzeroberfläche“ bezeichnet zu werden. Der Fokus auf sein Aussehen ist so groß, dass der Protagonist sich sogar freut, sobald ihn jemand – auf eine eigentlich herabwürdigende Art und Weise – auf eben nur dieses reduziert.

Zum Ende hin findet ein kurzer Themenwechsel statt bei dem ironisch auf die Nutzung von Kinderarbeit angespielt wird („frag nicht, wie alt die sind, die meine Kleider nähn‘ – auf einer Skala von eins bis zehn“). Jedoch wird das Thema schnell verdrängt („ich schweife ab – Spieglein im Handy: Bin ich der King?“) und sich wieder um das Aussehen gekümmert. Alligatoah übt hier Kritik an Menschen, die das Wissen von Ausnutzung bewusst unterdrücken um sich einem schlechtes Gewissen zu entziehen. Es wird dem Hörer vorgehalten wie arrogant und oberflächlich es klingen kann, dieses Wissen der Wichtigkeit von Schönheit unterzuordnen.

Der Spiegel hat erneut die passende Antwort und wiederholt seine Äußerungen zum Schluss im Outro aber mehrmals, was diesen besonderen Nachdruck verleiht. Ganz am Ende kann man im Hintergrund eine Verdrehung des Sprichworts „Kleider machen Leute“ in dem umgekehrt auf die Menschen, die die Kleidung machen, angespielt wird. Diese hätten nämlich selten die Möglichkeit sich die eigenen Produkte auch zu leisten („Kleider machen Leute, doch die Leute die die Kleider machen leisten sich bis heute leider weniger Designerjacken“). All dies während gleichzeitig das lyrische Ich im Vordergrund sein Intro wiederholt, in dem es die Augen verschließt. Eine Gegenüberstellung von Ignoranz und Armut, deren Widerspruch dem Hörer durch die ironische Art des Liedes bewusst werden soll.

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